Zwischen Mainstream und Arthouse Kino - Chinesische Filme auf der Berlinale 2016

Die 66. Berlinale eröffnete mit „Hail, Caesar!“ von Joel und Ethan Coen, einer Hommage des Duos an das Goldene Zeitalter Hollywoods. Und – wie immer, ein perfekt inszeniertes Werk mit vielen Anspielungen und Zitaten an das amerikanische Kino. Im letzten Jahr hatte der chinesische Regisseur und Drehbuchautor Jiang Wen mit einer überdrehten Slapstick-Komödie „Gone with the bullets“ Ähnliches geplant. Mit seinen Anspielungen auf Chinas Stummfilmzeit und chinesische Opernlegenden hatte er das westliche Publikum allerdings verwirrt zurückgelassen. Die Berlinale zeichnet sich wiederum - und ganz besonders angesichts aktueller Krisen und Unwägbarkeiten - durch ihren politischen Anspruch aus. Sie trifft dabei auf die gegenläufige Entwicklung in China, wo die einheimische Filmindustrie mit Action und Unterhaltung boomt. 2015 erreichte der chinesische Filmmarkt mit Einnahmen von 44 Mrd. RMB (knapp sechs Mrd. Euro) einen neuen Kassenrekord gegenüber 2014, einem Anstieg von über 50%. Damit hat sich China zum zweitgrößten Kinomarkt nach den USA entwickelt. Produzenten sprechen bereits von dem neuen „Goldenen Zeitalter“ des chinesischen Kinos, das sich durch die Vielfalt an Genres auszeichnet: Komödien wie „Goodbye Mr. Loser“, Abenteuer- und Zeichentrickfilme wie „Der letzte Wolf“ und „Kung Fu Panda 3“, oder auch Martial Arts, Romanzen und Fantasy. „Monster Hunt“, ein Film der Action und Fantasy zusammenbrachte, war der absolute Kassenrekord: Mit 108 Mio. Dollar bei seinem Start der erfolgreichste Film weltweit überhaupt. Kein Wunder, dass in Berlin das Geschäft mit Chinas Filmindustrie im Mittelpunkt stand, während sich im Wettbewerb „Crosscurrent“ einer internationalen Jury stellte.

Gegen den Strom

Changjiang Tu, so der chinesische Titel, erzählt die Geschichte des jungen Schiffseigners Gao Chun (Qin Hao), der auf seinem heruntergekommenen Frachtschiff von Shanghai aus den Yangzi flussaufwärts bis zu den Quellen des Stroms fährt. An jeder Anlegestelle steigt er aus, in der Hoffnung auf ein romantisches Abenteuer. Doch bei jedem Halt begegnet er derselben mysteriösen Frau, die mit ihm zusammenkommt und sich ihm wieder entzieht. Wie besessen beginnt Gao Chun nach der Geliebten zu suchen, die bei jeder Begegnung jünger wird. Auf seiner Suche nach An Lu (Xin Zhilei) findet er auf dem Schiff ein Buch mit Aufzeichnungen und Gedichten eines unbekannten Dichters, das vom Schicksal der schillernden Frau zu erzählen scheint. Ihr Leben zwischen buddhistischem Glauben und sexuellem Begehren führt ihn in ein verlassenes Haus und in verfallene Tempel. Nach dem Drei-Schluchten-Staudamm bleibt An Lu verschwunden. Erst am Ende der Fahrt, an der Quelle des Chang Jiang, erscheint sie als unschuldiges junges Mädchen.
Der Regisseur Yang Chao (Jg. 1974), der zur sechsten Generation chinesischer Filmemacher zählt, wurde für „Crosscurrent“ von einer Yangzi-Fahrt im Jahr 2006 inspiriert. Der hoch poetische Film nimmt den Rhythmus klassischer Gedichte auf und lässt die Landschaft am Ufer des Stroms einer sentimentalen nächtlichen Reise gleich vorbeiziehen. Der surreale Ablauf gegen die Zeit und den Strom besticht durch die lyrische Ästhetik der Bilder, die an klassische chinesische Tuschemalerei erinnern. Zu Recht wurde Mark Lee Ping-Bing (Jg. 1954) mit dem Silbernen Bären für seine außerordentliche künstlerische Kameraarbeit ausgezeichnet. Der taiwanesische Kameramann wurde international durch seine hervorragenden Arbeiten u. a. für „In the Mood for Love“ (Wong Kar-wai) und „The Assassin“ (Hou Hsiao-Hsien) geehrt.
„Crosscurrent“ hat eine lange Geschichte. Er wurde unter schwierigen Produktionsbedingungen bereits 2012 gedreht, im Winter auf einem gemieteten Boot mit einem Zickzack-Kurs am Ufer entlang. Erst 2015 wurde der der Film schließlich fertiggestellt. Das große Problem war wegen derGegenläufigkeit der Erzählung, während die Fahrt dem Reiseverlauf linear folgt, der Schnitt. Nach Auskunft des Regisseurs steht der Fluss, Chinas Lebensader, als Metapher für die Geschichte und den Wandel des Landes. Sein Werk spürt Stimmungen nach - von verlorenen Zeiten, von im blauschwarzen Dunkel des Wassers untergegangenen Orten und von Vergänglichkeit, wie sie sich in Gedichtzeilen aus dem Shijing, dem Buch der Lieder, finden: In des Stromes Mitte, auf dem Boot aus Zypressenholz, vom Schlaf verlassen, bin ich in tiefer Trauer gefangen.

Hundstage

In der Sektion „Panorama“ beleuchtete der Film „San Fu Tian“ (Dog Days) ein Stück deprimierenden Alltags im heutigen China. Lulu (Huang Lu) verdient ihr Geld als Tänzerin in einem schäbigen Nachtklub. Den kleinen Sohn lässt sie während ihrer Arbeit in der Obhut des Vaters. Eines Abends ist Bai Long mit dem Kind verschwunden. Gemeinsam macht sie sich mit dem schwulen Sunny, den sie in einer heruntergekommenen Bar für Transvestiten gefunden hat, auf den Weg. Der Deal ist: Er hilft ihr das Baby zu finden, dafür sucht sie den abtrünnigen Bai Long und steht den beiden als Paar nicht im Weg. Es sind glutheiße Tage, und Lulu in ihren billigen Klamotten, einem dünnen Trägerhemd, den abgetragenen Shorts und den hochhackigen Sandaletten, muss ihr letztes Geld ausgeben, um Sunny zur Suche anzutreiben. Als sie Bai Long schließlich in einem Hotel in Shanghai aufspüren, gesteht er, das Baby unter dem Vorwand, die Mutter sei verstorben, an ein reiches Arztehepaar verkauft hat. Doch Lulu will kein Geld, sie will ihr Kind zurück. Lulu muss sich nun entscheiden, ob sie ihr Kind zurückfordern soll oder ihm eine bessere Zukunft bei dem wohlhabenden Paar ermöglichen will. Der in New York geborene Regisseur Jordan Schiele lebt jetzt in Peking und hat sich nach einem Studium , in Regie und Kamera, einen Namen als Autor von Kurz- und Werbefilmen gemacht. In „Dog Days“ zeichnet er ein realistisches Bild des sozialen Gefälles im heutigen China.

Alltagsleben

Die Sektion Panorama widmete sich mit mehreren dokumentarischen Filmen dem Alltagsleben der chinesischen Gesellschaft. Besonders berührend und lebensnah war Lao Shi (Alter Stein), der das Schicksal eines einfachen Taxifahrers schildert, der bei einem unverschuldeten Unfall sich für das verletzte Opfer einsetzt. Johnny Ma (Jg. 1982) zeigt in seinem ersten Langfilm einen Mann, der bis zur Selbstaufgabe Verantwortung übernimmt und damit in der heutigen Gesellschaft ein „lao shi“, ein aus einer anderen Zeit stammender Mensch ist. Mit „Wu Tu“ (My Land) hat der Dokumentarfilmer Fan Jian (Jg. 1977) das Thema seines früheren Films über die Situation chinesischer Wanderarbeiter (Dancing in the City) in gewisser Weise wieder aufgenommen. Es geht um den Bauern Chen Jun, der mit seiner Telefon-Hotline die Wanderarbeiter in Peking unterstützt. Fan Jian hat den Kampf der Familie gegen die Investoren, die den Boden für den Bau von Wohntürmen für die neue Mittelschicht genommen haben, seit 2010 mit der Kamera begleitet. Ein bemerkenswerter Debütfilm wurde in der Sektion Generation Kplus gezeigt. „What’s in the Darkness“ beginnt 1991. Der Coming of Age-Film erzählt die Geschichte der 15jährigen Qu Jing (Su Xiaotong), die in einer verschlafenen Kleinstadt voller unterschwelliger Gewalt und Unterdrückung aufwächst. Für ein junges Mädchen in der Pubertät ist das Leben voller Rätsel. Mit dem unverstellten Blick des Teenagers beobachtet sie ihre Eltern, die sich ständig streiten. Weshalb wollen sie nicht einsehen, dass sie gar nicht ihre leibliche Tochter ist? Alles erscheint so undurchsichtig und alles, was Freude macht, verboten. Sie nehmen ihr jede Freiheit, ob lockiges Haar oder eine harmlose Freundschaft, alles wird von der prüden Mutter unterbunden. „Es gibt keine Freundschaft zwischen Männern und Frauen“, ist die Mahnung des Vaters. Gleichzeitig begegnet sie sexuellen Übergriffen durch einen perversen Rentner und des Friseurs. Unter der Oberfläche verbergen sich dunkle Geheimnisse. Die Leiche einer Frau, vergewaltigt und verscharrt, wird gefunden. Ein Serienmörderscheint unterwegs. Jings einzige Freundin Zhang Xue (Lu Qiwei), die sie für ihren Mut und ihren Freiheitsdrang bewundert, verschwindet plötzlich. Angeregt durch die Geschichten eines Serienmörders bringt Jing die Polizei auf die Spur von Zhangs früherem Freund. Sie verschuldet seine Festnahme – bei einer Polizei, die schon mal in die Party der Jugendlichen einbricht und ein Sexvideo konfisziert. Bei der Verhaftung wird Zhangs Freund brutal zusammengeschlagen und zu einem falschen Geständnis gezwungen. Einige Zeit später wird Jing eine Karte von ihrer Freundin aus Hainan erhalten, die den Absprung aus der Enge der Kleinstadt geschafft hat. „What’s in the Darkness“ ist der Debütfilm der 38jährigen Wang Yichun, das sie mit einem Budget von gerade einmal 456.000 US-Dollar gedreht hat. Das Drehbuch hat sie bereits als junge Frau geschrieben. Es sind ihre Erinnerungen an ihre eigene Jugendzeit, in einer Zeit, in der für die Jugendlichen die Zukunft im Dunkel liegt.


Dagmar Yu-Dembski